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Wetterthema

29.07.2014

Gewitterjagd

In den letzten Jahren hat die Zahl der „Gewitterjäger“ zugenommen. Das sind naturbegeistere Menschen mit einer ungewöhnlichen Leidenschaft: Sie fahren in die Nähe von Gewittern, um sie zu beobachten und zu dokumentieren.

Die Motivation, einem Gewitter hinterher zu fahren, ist weniger Interessierten nicht leicht zu verdeutlichen. Auf jeden Fall ist es ein großes Interesse an der Natur und eine Neugier unmittelbar zu beobachten, wie Gewitter entstehen und funktionieren. Bei einem Gewitter werden große Energien umgesetzt. Als Gewitterjäger spürt man diese Energie. Möglicherweise spielt auch der Jagdtrieb eine Rolle. Auf die Gewitterjagd (englisch: Stormchasing) begeben sich Wissenschaftler ebenso wie Wetterlaien, Journalisten und Hobbymeteorologen – und natürlich auch Fotografen, die die mitunter dramatischen „Himmelslandschaften“ professionell zu dokumentieren vermögen.

In den letzten Jahren sind die Möglichkeiten, die Gewitterdynamik in Bildern wiederzugeben, immer besser geworden. Neben digitalen Fotos kann inzwischen jeder Hobby-Chaser auch Videos in hoher Qualität drehen und daraus am Computer Zeitraffer erstellen. In der beschleunigten Darstellung sieht man dann Details, die einem in Normalgeschwindigkeit entgehen. So ist das Emporschießen von Quellwolken, das Herunterfallen von Niederschlagsvorhängen und in einigen Fällen die Rotation von Gewitterwolken zu erkennen. Letztere ist besonders interessant, da Unwetter oft durch sogenannte Superzellen verursacht werden, die rotieren. Die Bilder von Stormchasern können der Wissenschaft helfen, die Abläufe in schweren Gewittern besser zu verstehen.
Hier einige Videoaufnahmen eines Chasings im Jahre 2012:


Die Gewitterjagd wurde im Zeitalter der Motorisierung überhaupt erst möglich und stammt aus den USA. Dort entstehen besonders heftige Gewitter und auch Tornados. Basis für eine erfolgreiche Jagd ist eine gute Wettervorhersage. Sie wird von den Chasern üblicherweise selbst erarbeitet und ihre Grundlage sind meteorologische Analysen, die von den jeweiligen nationalen Wetterdiensten stammen und im Internet verfügbar sind. In der Anfangszeit konnte man lediglich „auf Sicht“ fahren. Erst seit wenigen Jahren hat sich das mobile Internet immer weiter verbreitet. Damit stehen den Jägern während der Fahrt u.a. Satellitenbilder, Radarbilder und Blitzortungsdaten zur Verfügung. Die Jagd ist so deutlich effizienter und weniger gefährlich geworden. Auch ein Navigationsgerät ist zu empfehlen.

Während der ersten Phase der Gewitterjagd begibt man sich bereits vor Entstehung der ersten Gewitter in ein möglichst aussichtsreiches Gebiet. Besonders ambitionierte Chaser fahren dafür einige hundert Kilometer am Tag, andere warten einfach, bis in ihrer Heimat heftige Gewitter zu erwarten sind. Sobald die ersten Gewitter entstehen, geht alles weitere sehr schnell. Dann ist das „Feintuning“ angesagt. Hierzu checkt man vor allem mit Hilfe von Radardaten möglichst alle 5 Minuten die aktuelle Situation. Gewitter können ihr Verhalten sehr kurzfristig ändern, sie schlagen auf ihrem Weg Haken – wie ein Hase auf der Flucht - und der Chaser muss bereit sein, seine Fahrroute immer wieder anzupassen.

Die Jagd ist nicht ungefährlich. Die interessantesten Standorte direkt am Rande der Gewitterwolke sind sehr oft Blitzschlag-gefährdet, so dass man das ein- oder andere Mal besser im Auto sitzen bleibt. Weitere Gefahr geht von Sturmböen und Hagel aus. Droht Orkan, sollte die Nähe von Bäumen gemieden werden, die einen selbst im Auto erschlagen können. Großer Hagel sorgt für Dellen und wenn es ganz heftig kommt für herausgeschlagene Scheiben. Spätestens wenn Großhagel, ein Orkan oder sogar ein Tornado auf einen zukommt, ist der Rückzug angesagt. Zur richtigen Einschätzung dieser Gefahren braucht man die nötige Erfahrung. Ohne Radardaten muss der Chaser besonders vorsichtig sein, da mit bloßem Auge kaum einzuschätzen ist, wie stark der Wind und wie groß der Hagel sein wird. In den USA sind bei Unwetterlagen einige hundert Chaser unterwegs. Mitunter kommt es dort auf sonst wenig frequentierten Straßen zu einem wahren „Chaser-Stau“. Es kann also passieren, dass sich die Chaser selbst behindern, wenn es gefährlich wird.

Durch das Chasen kann man wesentlich mehr erleben, als wenn man immer nur in seinem Heimatort auf Gewitter wartet. Klar gibt es an jedem Ort einige Gewitter im Jahr. In den meisten Fällen sieht man von ihnen jedoch nicht die für ihre Entstehung und Erhaltung interessanten Aufwindgebiete oder es handelt sich ohnehin nur um schwache Gewitter.

Zum Chasen besonders geeignet sind die Ebenen im mittleren Westen der USA, nicht nur weil dort die heftigsten Gewitter auftreten. In vielen Staaten hat man ein gutes Straßennetz und freie Sicht mit nur wenigen Bäumen oder störenden Ortschaften.

Dienstag, 29. Juli 2014

Dr. Ingo Bertram
ARD-Wetterredaktion

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