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Wetterthema

27.05.2015

Fällt der Sommer aus?

Bei der kühlen Witterung mag sich mancher fragen, ob uns ein kühler und verregneter Sommer bevorsteht.

Bei der aktuellen Wetterlage mag man daran zweifeln, dass es mit dem Sommer dieses Jahr noch etwas wird. Vergangene Nacht gab es verbreitet Bodenfrost, wie beispielsweise im Sauerland, im Hunsrück oder auf der Schwäbischen Alb, aber auch im Donautal und in Gießen. Am heutigen 27. Mai liegen die Höchstwerte lediglich zwischen knapp 10 Grad im Vogtland und maximal 17 Grad am Niederrhein. Den Sommer muss man aber noch nicht abschreiben. Nach dem Jahreszeitentrend des Deutschen Wetterdienstes stehen die Chancen für einen zu warmen Sommer derzeit fast doppelt so hoch wie für einen kühlen. Übrigens folgte in 1994 einem kühlen Mai einer der wärmsten Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.

Doch es kann auch anders kommen, wie beispielsweise in 1816, als in Süddeutschland und in der Schweiz sogar im Juli Schnee bis in die Niederungen fiel. Damals verlief der ganze Sommer, also die Monate Juni, Juli und August in Deutschland etwa 2,5 Grad kälter als das gegenwärtige Mittel aus den Jahren 1971 bis 2000. Das war der kälteste Sommer in Deutschland seit mindestens 1761, seitdem flächendeckende Temperaturmessungen vorliegen. Am stärksten waren die Abweichungen damals im Süden Frankreichs, wie man aus unterschiedlichen Informationsquellen, wie beispielsweise Baumringen oder Pollenablagerungen rekonstruieren konnte. Dort lag die Sommertemperatur sogar mehr als drei Grad unter dem langjährigen Mittel.

Das klingt zwar moderat, war es aber nicht. Durch die anhaltend kalte und auch sehr regenreiche Witterung, die übrigens auch in Nordamerika auftrat, kam es zu Missernten und in der Folge vor allem in Süddeutschland und in der Schweiz zu Hungersnöten, die ihrerseits Auswanderungswellen in die neue Welt nach sich zogen. Im kanadischen Québec fielen im August 1816 bis zu 30 cm Neuschnee. Von den Neuengland-Staaten im Osten der USA aus wurden in der Folge die damals neuen Staaten Ohio, Illinois und Indiana innerhalb nur weniger Jahre besiedelt.

Die Ursache für diese extreme Witterung lag lange im Dunkeln und wurde erst 1920 von dem amerikanischen Meteorologen William Jackson Humphreys entdeckt: Im Vorjahr, also vor genau 200 Jahren war auf der heute zu Indonesien gehörenden Insel Sumbawa der Vulkan Tambora ausgebrochen. Es war die größte Eruption weltweit seit über 20.000 Jahren durch die etwa 150 Kubikkilometer Staub und Asche in die Atmosphäre geschleudert wurden. In der Folge breitet sich eine schwefelhaltige Aschewolke in der Stratosphäre wie ein Schleier rund um den Globus aus und schwächte in den folgenden vier Jahren die Sonneneinstrahlung weltweit markant ab. Einen ähnlichen, aber bei weitem nicht so starken Effekt gab es zuletzt 1991, als auf den Philippinen der Pinatubo ausbrach uns sich die Temperatur weltweit messbar um einige zehntel Grad absenkte.

In Folge der Hungersnöte wurde 1817 in Württemberg übrigens ein landwirtschaftlicher Verein geründet, der seitdem das Volksfest auf dem Cannstatter Wasen veranstaltet. Auch die auf Agrarwissenschaften spezialisierte Universität in Stuttgart-Hohenheim wurde damals gegründet um gegen künftig drohende Hungersnöte besser gewappnet zu sein.

Für die aktuelle Witterung, die mitunter Erinnerungen an 1816 wachruft, ist glücklicherweise kein Vulkanausbruch sondern polare Kaltluft aus dem Nordatlantik und Grönland verantwortlich. Somit besteht berechtigte Hoffnung, dass die Wärme mittelfristig auch wieder nach Deutschland zurück findet. Zwar bleibt es in den kommenden Tagen unbeständig, aber ab nächster Woche deutet sich dank eines Ablegers des Azorenhochs, welches sich nach Mitteleuropa ausdehnt ein deutlicher Erwärmungstrend an. Hungersnöte stehen also wohl bis auf Weiteres nicht zu befürchten.

Mittwoch, 27. Mai 2015

Tim Staeger
ARD-Wetterredaktion

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