Wetterthema | tagesschau.de

Wetterthema

05.07.2022

Wespen und Witterung

Jeder kennt sie, die Wespen. Und wahrscheinlich sind die meisten von uns auch schon einmal gestochen worden. Besonders in der Außengastronomie können sie lästig werden. Doch was für einen Einfluss hat die Witterung auf ihre Anzahl?

In Deutschland sind mehr als zehn verschiedene Arten von Wespen heimisch. Die Mehrzahl davon lebt aus der Sicht des Menschen unauffällig im Hintergrund, doch zwei Arten können im Hochsommer recht lästig werden. Die Gemeine Wespe und die Deutsche Wespe haben den Wespen insgesamt ihren schlechten Ruf eingebracht. Besonders im August kommen sie oft zu mehreren angeflogen, wenn man im freien einen Kuchen oder eine Pizza essen möchte, oder einen Cocktail trinkt. Sie lassen sich kaum vertreiben und fliegen einem mitunter hartnäckig ins Gesicht. In den meisten Fällen kann man es vermeiden gestochen zu werden, wenn man ruhig bleibt. Wespen stechen erst dann, wenn sie sich bedroht fühlen.

Die Entwicklung eines Wespenvolkes ist im Grunde genommen faszinierend. Bei der Beschreibung stellt sich ein Henne-Ei Problem. Was ist zuerst du, die Wespenkönigin, oder das Wespenvolk? Wir gehen einfach mal von der Königin aus. Letztere beginnt im April, nachdem sie ihren Überwinterungsplatz verlassen hat, mit dem Bau eines Nestes. Dabei ist sie erst einmal ganz alleine unterwegs. Aus Holzresten werden die bekannten sechseckigen Waben gebaut, die Brutzellen. Das Anfangsnest enthält sieben Zellen, eines in der Mitte und sechs außenherum. In diese Zellen legt die Königin ihre ersten Eier. Die erste kleine Brut pflegt die Königin alleine. Nach insgesamt 4 Wochen schlüpfen daraus die ersten Arbeiterinnen. Es handelt sich um unfruchtbare Wespen, deren Aufgabe in der Erweiterung des Nestes und der Fütterung neuer Larven besteht. Die Königin widmet sich ab diesem Moment nur noch der Eiablage. Bis August wächst die Population dann immer weiter an, häufig auf über tausend Wespen pro Staat. Dementsprechend groß können auch die Nester werden, mitunter findet man wahre Kunstwerke. Die einzelnen Arbeiterinnen sind auf bestimmte Aufgaben spezialisiert. Sie sind entweder für die Nahrungsbeschaffung, die Larvenfütterung, den Nestbau, die Zellensäuberung oder die Versorgung der Königin zuständig. Erst im Spätsommer entwickeln sich dann fruchtbare Weibchen, also Königinnen für das Folgejahr, und männliche Wespen, auch Drohnen genannt. Die befruchteten Jungköniginnen überwintern in geschützten Verstecken. Die alte Königin, die Drohnen und das gesamte Arbeitervolk sterben im Spätherbst ab.

Der August gilt als der Wespenmonat. Zu dieser Zeit erreichen die Populationen ihre maximale Größe, so dass man ihnen beim Essen im Freien häufig begegnet. Von Jahr zu Jahr ist die Anzahl der Wespen unterschiedlich. Mal sieht man sie fast ausschließlich im August und in einer gut auszuhaltenden Anzahl, mal nehmen sie derart überhand, dass sie zu einem Argument gegen die Außengastronomie werden. Entscheidend ist die Witterung im Frühsommer und im Hochsommer. Trockenheit und Sonnenschein bieten die besten Bedingungen zur Wespenvermehrung. Regenwetter hingegen sorgt für ein ungünstiges Mikroklima im Nest und verhindert einen Teil der Ausflüge zur Nahrungsbeschaffung. Mai und Juni 2022 waren in weiten Teilen Deutschlands sehr sonnig, deutlich wärmer als im Schnitt und trocken. Deshalb gibt es aktuell schon viele Wespen. Sollten nun auch der Juli und der August von trockenem und sonnigen Wetter geprägt sein, so dürften die Wespen noch zu einem beherrschenden Thema werden. Dann könnte es im August ähnlich aussehen wie im Hitzesommer 2018. Die von Wespen umschwirrte Bedienung einer Cocktailbar beantwortet damals auf die Frage, ob sie denn schon gestochen worden sei: „Heute noch nicht.“

Dienstag, 5. Juli 2022

Dr. Ingo Bertram
ARD-Wetterredaktion

Alle Wetterthemen

Darstellung: