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Wetterthema

14.06.2022

Trockenheit in Europa

In Deutschland war nicht nur der Mai viel zu trocken, sondern auch das Frühjahr. Aber wir sind mit diesem Problem längst nicht allein...

Erst kürzlich, Mitte Mai, da forderte man am Fluss Po in Italien, Südtirol (ebenfalls italienische Provinz) solle doch mehr Wasser aus den Kraftwerksseen ablassen, damit man im Unterlauf des Pos wieder genug Wasser habe. Doch darüber kann man zwischen Ortler, Ötztaler Alpen und den Hohen Tauern nur müde lächeln. Die Seen dort verzeichnen teilweise Tiefststände; man kann schlicht nichts in die Flüsse, die den Po speisen, abgeben. Verantwortlich dafür war der sehr schneearme Winter 2021/2022 auf der Alpensüdseite, nicht nur in Südtirol, sondern allgemein vom schweizerischen Tessin bis in den Süden Österreichs. An einigen Messstationen im Tessin sowie in Graubünden lag noch nie so wenig Schnee wie im vergangenen Winter. Die Konsequenz daraus ist, dass die dünnen Schneedecken dieses Winters schon jetzt verschwunden sind und nun nur noch wenig Schmelzwasser die Bäche hinunterfließt. Das hat mittlerweile dazu geführt, dass am Unterlauf des Pos eine Dürre herrscht, wie es sie seit 70 Jahren nicht gegeben hat. In Boretto, nördlich von Parma, hat der Po am vergangenen Wochenende den niedrigsten Wasserstand seit 70 Jahren erreicht. Das hat Auswirkungen: Salzhaltiges Wasser aus der Adria droht, den Po hinauf flussaufwärts zu strömen und den Reisbauern im Podelta ihre Felder zu versalzen.

Doch Italien und Deutschland sind immer nicht die einzigen Länder, die in Europa unter Wassermangel leiden, wie unsere Karte zeigt. Zu sehen ist die Trockenheit der oberen 40 cm des Erdbodens, prognostiziert für Mitte dieser Woche. Spanien ist betroffen, auch Frankreich sowie Teile Osteuropas. Dort herrscht eine mäßige bis teilweise außergewöhnliche Trockenheit. Vor allem in Spanien und Frankreich, wo in dieser Woche die erste große Hitzewelle des Jahres aktuell läuft, mit Temperaturen zwischen 35 und 45°C, ist der Wassermangel groß. Frankreich registrierte im Frühling (März – Mai) 2022 ein Niederschlagsminus von 45%, in Spanien war der Mai 2022 der trockenste Mai seit 61 Jahren. Hinzu kamen überall deutlich zu warme Monate oder Jahreszeiten: In Frankreich gab es das drittwärmste Frühjahr seit Aufzeichnungsbeginn. In 36 von 103 Départements sind am heutigen Dienstag Einschränkungen in Kraft getreten, die zu einer Senkung des Wasserverbrauchs führen sollen. So ist es verboten das Auto zu waschen und den Garten zu bewässern. Ein ähnliches Bild in Deutschland: Der neunte Frühling in Folge, also seit 2013 brachte nicht einmal annähernd die durchschnittliche Niederschlagsmenge. Besonders unter der Trockenheit leiden in Deutschland die Regionen vom Südwesten bis hinein nach Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Und auch wenn es dort in den vergangenen Tagen mit dem Tiefdruckeinfluss von Norden her immer wieder mal Schauer gegeben hat, eine nachhaltige Entspannung haben diese Schauer nicht gebracht.

Eine nachhaltige Linderung ist auch weiterhin nicht in Sicht. Derzeit gehen die meisten der Modelle, die Niederschlags-Abschätzungen für die folgenden drei Monate (Juli, August und September) vornehmen, davon aus, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit in den betroffenen Ländern, Spanien, Frankreich, Norditalien und Deutschland, zu wenig regnen wird und es dabei aber wärmere Monate als üblich geben wird. Damit wird sich die Dürre bzw. Trockenheitsproblematik weiter verschärfen, mit all ihren Auswirkungen auf Landwirtschaft, Handel, Natur und Preise.


Dipl.-Met. Michael Köckritz
ARD-Wetterredaktion

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