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Wetterthema

21.07.2021

Änderungen der Wetterlagen

Nach den Unwettern der vergangenen Woche wurde mehrfach der Verdacht geäußert, dass sich die Wetterlagen im Zuge des Klimawandels verändern. Was für Auffälligkeiten konnten dahingehend bisher beobachtet werden?

Unsere Grafik zeigt die relative Häufigkeit der Wetterlage „West zyklonal“, klassifiziert nach Hess und Brezowsky. Die Kurve ist mit einem fünf Jahre übergreifenden Filter geglättet.

In der jüngeren Vergangenheit konnten häufig Wetterlagen beobachtet werden, die über längere Zeit relativ gleichbleibendes Wetter brachten. Entweder es war lange trocken, oder es regnete anhaltend. Die Abschnitte einer bestimmten Witterung hielten scheinbar lange an. Eine mögliche Erklärung hierfür könnte die Erderwärmung sein. Höhere Temperaturen sorgen in der Polarregion für einen Rückgang der Eisbedeckung. Damit wird weniger Sonnenstrahlung reflektiert, die Arktis erwärmt sich also durch eine positive Rückkopplung überproportional. Als Folge verringern sich die Temperaturunterschiede zwischen den hohen und niedrigen Breiten. Genau diese erzeugen ein Band starker Westwinde in der Höhe, den Jet. Ein starker Jet treibt die Tiefdruckgebiete von West nach Ost, es entsteht eine Westwetterlage. Bei einem schwachen Jet verlagern sie sich die Tiefs nur wenig. Es resultieren Wetterlagen mit länger gleichförmiger Witterung daraus. Lassen sich die vermuteten Änderungen durch Zahlen belegen?

Von den 29 verschiedenen nach Hess und Brezowsky klassifizierten Wetterlagen ist die Lage „West zyklonal“ eigentlich mit Abstand die häufigste, im langjährigen Mittel erleben wir sie an 16 Prozent aller Tage. Über Nordeuropa liegt tiefer Druck, über dem Mittelmeer hoher. Dazwischen ziehen immer wieder atlantische Tiefs, getrieben durch den Jet, mit ihren Ausläufern von West nach Ost über Deutschland. Es liegt der Verdacht nahe, dass Westlagen durch eine globale Erwärmung seltener werden. Tatsächlich gab es seit knapp 10 Jahren ungewöhnlich wenig zyklonale Westwetterlagen. Zwischen 1880 und 2010 schwankte ihre Häufigkeit relativ stabil um 16 Prozent, mit einem etwas größeren Ausschlag Ende der 1950er nach unten und einem Maximum Anfang der 1990er Jahre. Doch in den letzten Jahren lag ihre Häufigkeit oft deutlich unter 10 Prozent mit einem Minimum im Jahre 2014. Einen auffallenden Trend verzeichnete auch die Wetterlage „Trog Mitteleuropa“. Bei ihr sitzt tiefer Luftdruck über Mitteleuropa fest, es ist längere Zeit trüb und regnerisch. Diese Wetterlage machte von 1880 bis 1990 recht konstant 4 Prozent aller Tage aus, nach 1990 stieg ihre Häufigkeit auf 8 Prozent, eine Verdopplung also.

Es gibt also belegbare Trends. In diesem Zusammenhang ist es schwer zu beantworten, ob diese Trends bereits signifikant, oder eher noch ein Zufall sind. Die Erderwärmung ist zumindest eine mögliche Erklärung dafür, warum die Westwetterlagen abgenommen haben und die trägen Tiefs häufiger wurden. Sollte sie für diese Trends verantwortlich sein, müssten sie sich allerdings, gleichbleibend hohe oder weiter steigende Temperaturen vorausgesetzt, auch in den kommenden Jahrzehnten fortsetzen. Trotz plausibel erscheinender Zusammenhänge ist es für eine abschließende, wissenschaftlich korrekte Beurteilung noch zu früh.

Mittwoch, 21. Juli 2021

Dr. Ingo Bertram
ARD-Wetterredaktion

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