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Wetterthema

20.07.2021

Flusseinzugsgebiete und Wasserscheiden

Einige Flüsse haben in den vergangenen Tagen leider massiv auf sich aufmerksam gemacht. An den kleineren Flüssen ist das Hochwasser inzwischen abgeflossen und auch die großen Flüsse sinken wieder. Was für hydrologische Besonderheiten gibt es?

Regenfälle und Trockenheit bestimmen über die Wasserstände unserer Flüsse. Anhand von erwarteten und bereits gefallenen Regenmengen lassen sich die Pegelstände der kommenden Stunden und Tage abschätzen. Hierbei ist für jeden Fluss die Region ausschlaggebend, aus der er sein Wasser bezieht. Diese Flächen nennt man Einzugsgebiete, in unserer Abbildung sind sie für die wichtigsten Flüsse Deutschlands dargestellt. Flüsse kennen keine Landesgrenzen. Für ein Hochwasser an der Oder, wie im Jahre 1997, sind fast ausschließlich Regenfälle in Polen verantwortlich. Die Elbe bezieht einen wesentlichen Anteil ihres Wassers aus Tschechien. Und wer sich für ein Rheinhochwasser interessiert, muss unter anderem auch in die Schweiz schauen.

Begrenzt werden diese Flusseinzugsgebiete von Wasserscheiden, in der Abbildung durch rote Linien gekennzeichnet. Hierbei handelt es sich um Gebirgszüge oder um Geländekuppen. Auf der einen Seite eines Gebirges strömt das Wasser in den einen Fluss, auf der anderen Seite in einen anderen. Im Extremfall landet das Wasser in sehr unterschiedlichen Regionen, je nachdem, auf welcher Seite eines Berges es abregnet. Das markanteste Beispiel ist die sogenannte Europäische Wasserscheide. Sie verläuft von Spanien bis nach Russland und entscheidet darüber, ob das Wasser ins Mittelmeer oder in den Atlantik samt Nord- und Ostsee strömt. In Deutschland verläuft sie unter anderem über die Schwäbische und Fränkische Alb.

Für ein Hochwasser eines Flusses ist also der Regen in seinem Einzugsgebiet entscheidend. Je nach Flussabschnitt gibt es hierbei wieder Unterschiede. Ein Hochwasser am Hochrhein und am Bodensee wird fast ausschließlich durch den Regen und die Schneeschmelze in der Schweiz bestimmt. Flussabwärts am Oberrhein wird der Schwarzwald immer wichtiger. Die größten Hochwässer zwischen Karlsruhe und Mannheim traten etwa 2 Tage nach ergiebigem Regen im Schwarzwald auf. Am Niederrhein, wie bei Köln oder Duisburg, sind Regenfälle im Mittelgebirgsraum ausschlaggebend. Dabei können sich die Hochwasserwellen verschiedener Seitenflüsse überlagern. Eine Hochwasserwelle des Oberrheins braucht typischerweise 3 Tage bis zum Niederrhein. Wenn es im Schwarzwald und in den Gebirgen der Mitte Deutschlands zeitlich ungünstig versetzt regnet, können die Wellen vom Oberrhein und die der flussabwärts einmündenden Nebenflüsse, wie Main und Mosel, zusammen fallen. Dann gibt es am Niederrein große Hochwasser, wie im Dezember 1993 oder im Januar 1995. Wenigstens das ist in den vergangenen Tagen so nicht passiert.

Die großen Flüsse reagieren also eher träge auf Regenfälle. Ihre Wasserstände sind damit auch relativ gut vorhersagbar. Anders sieht es bei kleinen Flüssen und Bächen aus. Diese steigen bei starkem Regen sehr schnell an, wie man es bei den jüngsten Unwettern im Norden von Rheinland-Pfalz und im Süden von Nordrhein-Westfalen beobachten konnte. Die Ahr ist am 14. Juli 2021 mancherorts innerhalb von nur 6 Stunden um 3 Meter angestiegen, ein unglaublicher Wert. Vorhersagen des Wasserstands basieren bei kleinen Flüssen in erster Linie auf Regenprognosen, sie sind also weniger genau als die für die großen Flüsse. Besonders große Schäden können durch Hochwasser in abschüssigem Gelände entstehen. Dann entfaltet das Wasser eine erschreckende, zerstörerische Kraft.

Die Pegelstände verschiedener Orte sind leider kaum miteinander vergleichbar. Ein Wasserstand von 8 Metern hat am Pegel Speyer beispielsweise eine andere Bedeutung als am Pegel Worms. Man muss sich mit einem Pegel auskennen, um die Werte beurteilen zu können. Dann weiß man zum Beispiel, dass ein Wasserstand von 8,50m in Speyer sehr hoch ist und einer von unter 2 Metern sehr niedrig. Und selbst das hat Grenzen, da sich das Flussbett im Laufe von Jahrzehnten ändert. Das Hochwasser im Mai 1999 brachte im Rhein bei Speyer die größte Wassermenge, es verursachte jedoch in der über 100 Jahre zurückreichenden Pegelstatistik nur den vierthöchsten Pegel. Die Anzahl der Tage mit steigendem und sinkendem Wasserstand ist nicht identisch. In Speyer steigt der Rhein an 36 Prozent aller Tage. Er sinkt aber an 60 Prozent. Und falls Sie es bemerkt haben, zur hundert fehlen noch ein paar Prozentpunkte. Das sind die Tage mit nahezu konstantem Wasserstand.

Dienstag, 20. Juli 2021

Dr. Ingo Bertram
ARD-Wetterredaktion

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