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Wetterthema

08.05.2014

Weinbau und Klimawandel

Beim Wein bahnt sich die früheste Blüte seit Aufzeichnungsbeginn an.

Der Sprecher des Deutschen Weininstituts, Ernst Büscher, rechnet damit, dass die Reben in diesem Jahr bereits in der zweiten Maihälfte blühen werden. Der bisherige Rekord war Ende Mai im Jahr 2007. Eine frühe Blüte bedeute voraussichtlich auch eine frühe Ernte. Schon der Austrieb der Reben vollzog sich Anfang April etwa drei Wochen früher als üblich. Weinjahre mit frühem Austrieb, wie beispielsweise 1959 oder 2007, waren in der Vergangenheit oft gute Jahrgänge.

In Geisenheim am Rhein befindet sich die Forschungsanstalt für Garten- und Weinbau. Hier wird seit Jahrzehnten unter anderem der Termin der Vollblüte des Rieslings verzeichnet, welche zwischen 1972 und 1996 bis im Mittel um den 23. Juni eintrat. Seitdem verfrüht sie sich markant: Zwischen 2001 und 2010 lag der mittlere Termin am 13. Juni, in 2011 war es bereits am 30. Mai, in 2007 sogar schon am 28. Mai soweit. Dieses Jahr sind die Reben noch etwa zwei Wochen in ihrer Entwicklung voraus. Wenn die Witterung durchschnittlich verläuft, wird die Vollblüte im Rheingau Ende Mai oder Anfang Juni erwartet.

Dies ist nur ein Indikator, der anzeigt, wie sich die Pflanzenwelt auf die schleichende Erwärmung der vergangenen Jahrzehnte einstellt. Da Wein sehr wärmeliebend ist, dehnen sich die Gebiete, in denen ein Anbau möglich ist nicht nur in Deutschland, sondern auch weltweit aus. Mittlerweile gibt es schon Weinberge in Südengland, wie bereits im Mittelalter während einer besonders milden Klimaepoche zwischen dem 9. und 14. Jahrhundert. In Deutschland wurde jüngst in Schleswig-Holstein ein Gebiet für den Weinbau ausgewiesen.

Diese Verschiebung nach Norden ist zwar einerseits vorteilhaft für den Weinbau in Deutschland, England und sogar Skandinavien, in den Mittelmeerländern wird die zunehmende Trockenheit jedoch künftig zum limitierenden Faktor für die Winzer. In Australien könnten sich die potenziellen Weinbaugebiete durch eine fortschreitende Verlagerung nach Süden in den kommenden Jahrzehnten sogar im Meer befinden.

Zudem wird sich künftig auch das Sortenspektrum verändern. So könnte entlang des Rheins, wo heutzutage noch der Riesling dominiert, bereits heute stellenweise Cabernet, in 10 Jahren eventuell der wärmeliebende Merlot erfolgreich angepflanzt werden. Bis 2040, so legt eine Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) nahe, wird in fast ganz Deutschland, außer dem Mittelgebirgsraum und dem Küstenumfeld Weinbau möglich werden, am Oberrhein sogar der in Frankreich und Italien heutzutage meistangebaute und sehr Ertragreiche Ugni blanc bzw. Trebbiano.

Die Weine anderer frühreifende Rebsorten wie beispielsweise Weißburgunder, Silvaner oder Müller-Thurgau, könnten in warmen Jahren alkohol-lastig und „plump“ werden. Jedoch haben die Mostgewichte in den vergangenen 20 Jahren deutlich zugenommen, was wiederum mit einer Qualitätssteigerung einhergeht. Neben all den alarmierenden Nachrichten, die man im Zusammenhang mit dem Klimawandel so vernimmt, ist das zur Abwechslung mal eine gute Neuigkeit – na dann zum Wohl!

Donnerstag, 8. Mai 2014

Tim Staeger
ARD-Wetterredaktion

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