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Wetterthema

11.07.2018

Kaltlufttropfen

In einigen von der Trockenheit geplagten Regionen hat es endlich geregnet und die Chance auf weiteren Regen besteht noch bis Donnerstag. Verantwortlich für den Regen ist ein sogenannter Kaltlufttropfen. Doch was ist das?

Ein Kaltlufttropfen ist ein oft nahezu rundes und in sich abgeschlossenes Gebiet kalter Luft von typischerweise 300 bis 1000km Durchmesser. Dabei ist es vor allem in höheren Luftschichten auffallend kälter als in der Umgebung. Unsere Abbildung zeigt die Situation am heutigen Mittwoch. Über Deutschland werden in etwa 5700 Metern Höhe Temperaturen bis unter -20 Grad gemessen. Überall sonst in Europa ist die Luft in dieser Höhe wärmer. Ein Kaltlufttropfen bildet sich in der höheren Atmosphäre auch immer als ein Tiefdruckgebiet ab. Meistens zeigt der Luftdruck in Bodennähe zugleich keine Auffälligkeiten. Dort ist er nicht besonders niedrig und meistens auch nicht niedriger als in der Umgebung. So ist das auch aktuell. Der Luftdruck in Bodennähe liegt bei 1014 hPa, ein völlig durchschnittlicher Wert. Kaltlufttropfen werden aus diesem Grund oft als Höhentief bezeichnet. Dementsprechend spät begann man sie in der Meteorologie zu verstehen. Bereits um 1820 herum zeichnete Heinrich W. Brandes die ersten Wetterkarten. Selbstverständlich standen ihm nur Messwerte von Bodenstationen zur Verfügung. Mit diesen Wetterkarten für den Luftdruck am Erdboden konnte man bereits einiges lernen und erklären, doch immer wieder gab es typisches Tiefdruckwetter, ohne dass die Wetterkarte ein solches zeigte. Erst in den 1930er Jahren war die technische Entwicklung zur Erstellung von Wetterkarten für die höhere Atmosphäre weit genug vorangeschritten. Ab 1930 war es möglich, einen Wetterballon mit Messwerten aufsteigen zu lassen, der seine Messwerte kontinuierlich zu einem Empfänger funkte. Die sogenannte Radiosonde war erfunden. Mit den gewonnenen Daten konnten endlich Karten des Luftdruck in größerer Höhe erstellt werden. Noch im selben Jahrzehnt führte Scherhag die ersten systematischen Untersuchungen von Kaltlufttropfen durch.

Normalerweise liegt über der Polarregion Kaltluft und über den Subtropen Warmluft. Im Übergangsbereich zwischen Kalt und Warm wehen Westwinde und vergleichbar mit den Wellen auf einer Wasserfläche ziehen Tiefs von West nach Ost. Ein Kaltlufttropfen entsteht, wenn sich ein Teil der polaren Kaltluft vom übrigen Kaltluftreservoir ablöst. Man spricht in der Meteorologie von einem Abtropfvorgang. Hat sich erst einmal ein Kaltlufttropfen gebildet, kann er für einige Tage existieren. Die eingeschlagenen Zugbahnen können dabei recht chaotische Verläufe nehmen und mehrmals die Richtung ändern. Weht der Wind in Bodennähe einheitlich und einigermaßen stark aus einer bestimmten Richtung, passt sich die Verlagerung des Höhentiefs oftmals daran an.

Im Sommer wird das Wetter innerhalb eines Kaltlufttropfens meistens von Schauern und Gewittern bestimmt. Wegen der niedrigen Temperaturen in größerer Höhe ist die Luftschichtung labil. Auf der Ost- und Nordseite des Tiefs kann es auch zu länger anhaltenden Regenfällen kommen. Im Winter ist es bei Annäherung eines Kaltlufttropfens oft noch freundlich. In seinem Zentrum wird oftmals leichter Schneefall beobachtet, selbst wenn die Wolkendecke eigentlich dünn und löchrig erscheint. Dazu führen aus Osten aufziehende Kaltlufttropfen oft zu Kältewellen. Wenn sie anschließend nach Westen abziehen, schneit es oftmals stärker. Besonders markante Kaltlufttropfen mit sehr niedrigen Temperaturen gab es am 9.2.1986 und am 6.2.1991. Im Dezember 2001 erreichte uns ein Kaltlufttropfen, der zuvor bereits 2 Wochen lang über Osteuropa auf und ab gezogen war.

Mittwoch, 11. Juli 2018

Dr. Ingo Bertram
ARD-Wetterredaktion

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