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Wetterthema

11.10.2017

Hurrikane in Europa

Tropische Wirbelstürme entstehen normalerweise ab einer Meeresoberflächentemperatur von 26 bis 27 Grad. Obwohl diese Bedingung in der Nähe von Europa nicht erfüllt ist, gab es in unserer Nähe ein paar wenige Hurrikane, wir wollen schauen warum und welche.

Zur Entstehung und Erhaltung eines Hurrikans braucht es warmes Meerwasser, unter normalen Bedingungen muss die Meeresoberfläche mindesten 26 bis 27 Grad warm sein. Wenn ein kräftiger Hurrikan existiert, stirbt er nicht momentan ab, sobald er über kälteres Wasser zieht, seine Abschwächung dauert eine gewisse Zeit, in der er noch größere Strecken als Hurrikan zurücklegen kann. Außerdem muss das Wasser nicht zwangsläufig so warm sein. Wenn die Atmosphäre in größeren Höhenschichten relativ kalt ist, reicht auch ein etwas weniger warmes Meer zur Bildung von Hurrikanen. Letztlich ist die Temperaturabnahme mit der Höhe entscheidend. Hurrikane bestehen in den unteren Schichten vollständig aus warmer Luft. Sobald ein Hurrikan allerdings in die Frontalzone der gemäßigten Breiten eingebunden wird, bilden sich an der Grenze zu kälterer Luft Fronten und es wird ein außertropisches Tief daraus. In den letzten Jahrzehnten gab es nach den Daten des National Hurricane Center (USA) 5 tropische Wirbelstürme, die es vor ihrer Abschwächung und Umwandlung verhältnismäßig nahe an die Küsten Europas geschafft haben:

Debbie (1961) wanderte auf einer ungewöhnlichen Zugbahn, aus Südwesten kommend, mit seinem Kern an der Westküste Irlands entlang und hatte nach der damaligen Klassifizierung bis nahe Irland noch die Eigenschaften eines Hurrikans. Ganz sicher ist nicht, wann die Verwandlung in ein außertropisches Sturmtief tatsächlich erfolgte. Ungeachtet der Tatsache, wie lange Debbie ein Hurrikan war, verursachte sie in Irland einen starken Sturm mit Böen bis über 180 km/h in Küstennähe. Es gab erhebliche Schäden an Gebäuden sowie durch umgestürzte Bäume und Stromleitungen.

Faith (1966) erreichte nach langer Reise als Hurrikan die Färöer Inseln. Nach der offiziellen Einstufung soll er sich erst dort in ein außertropische Sturmtief umgewandelt haben und brachte den Inseln noch Böen von 160 km/h. Seine Zugbahn würde damit weiter nach Norden reichen als die jedes anderen bekannten tropischen Wirbelsturmes vor Europa. Er galt 15 Tage lang als Hurrikan. Als normales Tiefdruckgebiet zog er auch noch nach Skandinavien. Die Sichtung der Reanalysekarten zeigt jedoch, dass Faith schon deutlich vor Erreichen der Färöer-Inseln mit der Fontalzone interagierte. Er besaß noch lange einen relativ warmen Kern, erinnert von seiner Struktur her aber eher an eine Shapiro-Keyser Zyklone. Diese besondere Form eines außertropischen Orkans wurde jedoch erst 1990 von den gleichnamigen Autoren in einem wissenschaftlichen Paper beschrieben. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass Faith mit dem heutigen Wissen und mit den aktuell verfügbaren Beobachtungsmöglichkeiten weit früher von einem Hurrikan zu einem außertropischen Tief herabgestuft worden wäre.

Chloe (1967) erreichte von Westen kommend die Biskaya und galt dort noch als tropischer Sturm. Unweit Bordeaux ging Chloe dann als außertropisches Tief an Land, wobei nicht ganz klar ist, wie lange es sich noch um einen tropischen Sturm handelte. Das Tief löste sich anschließend über Zentralfrankreich auf.

Vince (2005) entstand so weit im Nordosten des Atlantiks wie kein Hurrikan zuvor und das Ungewöhnliche war, dass er schon direkt ab der Entstehung nach Nordosten wanderte. Er erreichte als tropischer Sturm Spanien. Über See hatte er kurzzeitig Hurrikanstärke.

Gordon (2006) schließlich streife als Hurrikan die Azoren, wo der Schaden allerdings nicht allzu groß ausfiel. Anschließend zog er als außertropisches Tief eine Schleife auf dem Ostatlantik, wobei mehr passierte als vorher. An der Nordwestküste Spaniens wurden Böen bis über 180 km/h gemessen.

In den kommenden Tagen taucht wieder einmal ein Hurrikan vor den Küsten Europas auf. Ophelia wird als Hurrikan aus dem Seegebiet südwestlich der Azoren in die Gewässer vor Portugal ziehen. Anschließend führt sein Weg wahrscheinlich als außertropisches Tief in das Gebiet westlich von Irland. Auf der Insel selbst könnte es dennoch einen Orkan geben.

Mittwoch, 11. Oktober 2017

Dr. Ingo Bertram
ARD-Wetterredaktion

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