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Wetterthema

10.10.2017

Die Gewittersaison 2017

Die meisten Gewitter finden in Deutschland von Mai bis August statt, während das Winterhalbjahr einen nur sehr geringen Beitrag hierzu leistet. Somit kann man die Gewittersaison 2017 schon jetzt bilanzieren.

Im Jahre 2017 hat die Gewitteraktivität vereinfacht gesprochen von Nord nach Süd zugenommen und entsprach damit auch den langjährigen Beobachtungen. Einige markante Häufungen von Blitzen gab es in Teilen von Hessen, Thüringen und vor allem auf der Schwäbischen Alb, am Bodensee und an der oberen Donau. Auffallend gewitterarm blieb ein Streifen von Nordbaden bis zu Bayerischen Wald, wobei es sich um eine Besonderheit des Jahres 2017 handelte. Normalerweise ist diese Gegend blitzreicher. Generell ist eine einjährige Blitzstatistik sehr von Einzelereignissen geprägt. So erkennt man auf der Blitzkarte einige linienhaft angeordnete Schwerpunkte, die sich auf die Zugbahn einzelner heftiger Gewitter zurückführen lassen.

Der blitzreichste Tag in Deutschland war der 22. Juni, als nowcast 104.371 Blitze ortete. Betroffen war damals der Norden und die Mitte. Teilweise gab es Superzellen mit großem Hagel und Sturm. Sehr blitzreich waren außerdem noch der 30. Mai (weite Landesteile mit einem Schwerpunkt im Nordosten), der 19. Juli (Schwerpunkte in Hessen und Thüringen) und der 1. August (Mitte und Süden). Erwähnt werden muss auch der 18. August. Er brachte zwar nicht ganz so viele Blitze wie die anderen genannten Tage, doch mehrere starke Superzellen in Baden-Württemberg und Bayern. Der Deutsche Wetterdienst hat dieses Jahr von Mai bis August etwa 5000 Unwetterwarnungen vor Gewittern herausgegeben.

Die Frage, ob es in den letzten 10 Jahren einen eindeutigen Trend der Gewitteraktivität gab, ist nicht so einfach zu beantworten. In den Blitzdaten von nowcast findet sich kein signifikanter Trend. Typischerweise wurden in den letzten 10 Jahren etwa 700.000 Blitze pro Jahr geortet, so auch 2017. Ein anderes Ergebnis zeigen die Daten des Blitzortungssystems von Siemens (BLIDS). In den Jahren 2006, 2007 und 2008 ortete Siemens etwa eine Million Blitze pro Jahr, in den letzen Jahren nur noch 500.000 bis 600.000 Blitze. Während Siemens nur Erdblitze zählt und die Wolkenblitze absichtlich ausschließt, sind in den Daten von nowcast Wolkenblitze enthalten. Ein Blitz besteht meistens aus mehreren Teilentladungen, die in kurzer zeitlicher Abfolge denselben Blitzkanal benutzen, im Schnitt sind es zwei bis drei. Dadurch entsteht das typische Flackern eines Blitzes. Nowcast zählt die Blitze (flashes), während Siemens die Teilentladungen (strokes) zählt. Die Unterschiede in den Daten resultieren sicherlich aus Unterschieden in der Ortung, welche im Laufe der Jahre immer weiter verbessert wurde. Jede Änderung des Ortungsverfahrens kann sich auf einen Trend auswirken. BLIDS von Siemens gibt es seit 1992, nowcast seit 2002.

Eine immer wieder diskutierte Frage ist, wie sich der Klimawandel auf die Gewitterhäufigkeit und Heftigkeit auswirkt. Diese Frage lässt sich anhand von Beobachtungen noch nicht beantworten, sowohl Radar- als auch Blitzdaten liegen für zu kurze Zeiträume vor. Warme Luft kann mehr Wasserdampf aufnehmen als kühlere. In einer wärmeren Atmosphäre steht den Gewittern mehr Energie zur Verfügung. Daher scheint es plausibel zu sein, dass sie im Zuge einer Erwärmung heftiger werden. Doch ganz so einfach verhält es sich mit den Gewittern nicht. Die heftigsten Gewitter entstehen unter speziellen Bedingungen. Ausgedehntere Unwetterlagen mit Sturm und Hagel wie am 2. Juni 1999 oder am 29. Juli 2005 sind meistens an Tiefdruckgebiete mit starkem Wind in der Höhe gekoppelt. Und genau diese könnten im Zuge des Klimawandels sogar seltener werden. Die Arktis erwärmt sich überproportional schnell, wodurch die Temperaturunterschiede zu den Subtropen geringer werden. Dadurch könnte sich die Tiefdrucktätigkeit abschwächen. Davon nicht betroffen wäre der Typ nahezu ortsfester Gewitter in windarmer Umgebung. Solche Gewitter mit lokalem Starkregen hat es in den letzten Sommern auffallend oft gegeben.

Dienstag, 10. Oktober 2017

Dr. Ingo Bertram
ARD-Wetterredaktion

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