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Wetterthema

13.07.2017

Schelfeisabbruch

Vom Larsen C Schelfeis in der Westantarktis hat sich ein riesiger Eisberg gelöst.

Mit einer Fläche von 5.800 Quadratkilometern ist dieser Eisberg über doppelt so groß wie das Saarland und macht etwa 12 Prozent des gesamten Larsen C-Schelfeises aus. Destabilisiert sich hierdurch das gesamte System, könnte ein beschleunigter Gletscherabfluss den Meeresspiegel ansteigen lassen.

Als Schelfeis wird auf dem Meer schwimmendes Eis bezeichnet, welches den Gletschern auf dem Festland vorgelagert ist. In der Antarktis nehmen die größten Schelfeistafeln, namentlich Ross und Filchner-Ronne mit 473 bzw. 422 Tausend Quadratkilometern jeweils eine deutlich größere Fläche ein als Deutschland mit 357 Tausend Quadratkilometern.

Abbrüche des Schelfeises sind per se nicht ungewöhnlich, stellen sie doch quasi den letzten Abschnitt des Eisabflusses vom antarktischen Festland ins Meer dar. Jedoch kann ein solch ungewöhnlich großer Abbruch, wie er jetzt am Larsen C beobachtet wurde der Vorbote des Kollapses der gesamten Eisplatte sein. Diesen Niedergang erfuhren 1995 bereits das Larsen A und 2002 das Larsen B Schelfeis, welche nördlich von Larsen C vor der Antarktischen Halbinsel lagen und nun verschwunden sind.

Der nun auf das offene Meer driftende Eisberg von Larsen C wird in den kommenden zwei bis drei Jahren schmelzen, aber dadurch nicht zum Meeresspiegelanstieg beitragen, da er sich, vergleichbar mit Eiswürfeln im Glas, im Schwimmgleichgewicht befindet. Jedoch übt das vorgelagerte Schelfeis eine stabilisierende Wirkung auf die dahinter liegenden Gletscher aus und verlangsamt dadurch deren Eisabfluss.

Würde das gesamte Schelfeis vor Larsen C abbrechen und in der Folge die speisenden Gletscher beschleunigt ins Meer abfließen, so könnte dadurch der Meeresspiegel im schlimmsten Fall zusätzlich um 10 cm ansteigen. Infolge der globalen Erwärmung ist er seit 1870 bereits um 25 cm angestiegen. Bis zum Ende des 21. Jahrhunderts wird er noch um weitere 26 bis 89 cm ansteigen, so legt es jedenfalls die aktuelle Abschätzung des IPCC nahe.

Die große Spannbreite dieser Abschätzung lässt schon erahnen, dass die relevanten Vorgänge noch nicht restlos verstanden sind. Das gilt im Besonderen auch für die Dynamik des antarktischen Schelfeises. Denn nicht nur die erhöhte Lufttemperatur beschleunigt den Schmelzvorgang, sondern wohl in noch größerem Maße das erwärmte Meerwasser, welches das Schelfeis unterspült und es von unten zum Schmelzen bringt. Dieser Vorgang bleibt bei einer Überwachung durch Satelliten unentdeckt. Gigantische Abbrüche, wie aktuell, sind womöglich also das Resultat eines schleichenden Vorgangs, der bereits seit Jahrzehnten im Gange ist.

Donnerstag, 13 Juli 2017

Tim Staeger
ARD-Wetterredaktion

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