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Wetterthema

05.01.2016

Wo gibt es Eisregen?

Nach wie vor liegt eine scharf ausgeprägte Luftmassengrenze quer über Deutschland. Dort, wo eisige Festlandsluft und milde Atlantikluft aufeinandertreffen, gab und gibt es gefährlichen Eisregen. Entspannt sich Lage in den kommenden Stunden oder bleibt es brisant?

In der Nacht zum Dienstag ging im niedersächsischen Osnabrück und den angrenzenden Gemeinden fast nichts mehr. Eine mehrere Millimeter dicke Eisschicht hatte PKW, LKW, Bahnoberleitungen sowie Bäume und Sträucher überzogen. Die Folge: Mindestens 85 Glätteunfälle allein im Osnabrücker Stadtgebiet, der Busverkehr wurde eingestellt und auf der A30 am Kreuz Osnabrück-Süd kam es gleich zu mehreren Unfällen mit insgesamt acht PKW und zwei LKW. Ähnlich auch die Lage in Ostfriesland: Dort wurde der Bahnverkehr auf den Fernstrecken teilweise eingestellt. Schon am Montag saßen zwischen Norddeich und Köln mehr als 500 Passagiere eines IC’s stundenlang wegen vereister Oberleitungen fest. Erst mit erheblichen Verspätungen erreichten die Menschen ihre Ziele.
Am Dienstagmorgen traf Eisregen die Menschen im Großraum Göttingen. Dort kam es binnen 24 Stunden zu 87 Unfällen mit 7Verletzten.
Am Dienstagmittag und -nachmittag hat sich der Eisregen noch etwas weiter nach Nordosten verlagert. Derzeit akut betroffen sind das Emsland, die Wesermarsch, der Großraum Hannover und dann auch die Gebiete vom Unterharz bis in die Sächsische Schweiz.
Und auch unsere Nachbarn in den Niederlanden erleben zwei unterschiedliche Winterwelten. Während der Süden weder Eis noch Schnee abbekommt, herrscht selbst auf den Westfriesischen Inseln Terschelling, Ameland und Rif leichter Dauerfrost. Dazu gab es im Norden der Niederlande ebenfalls Eisregen. So mancher hat die Eisbahn auf den Straßen für den seltenen Wintersport Straßeneislauf genutzt.

Da sich die Wetterlage in den kommenden 24 Stunden nur unwesentlich ändert, bleibt auch das Thema Eisregen, Straßenglätte und Verkehrsbehinderungen erhalten. Wir werfen einen Blick auf den Mittwochmorgen. Unsere Abbildung zeigt dazu links, rot schraffiert, jene Regionen, die auch morgen Früh von Eisregen betroffen sein werden. Wer mit dem Auto, Fahrrad oder auch zu Fuß unterwegs sein wird, der sollte sich vom Emsland und nördlichen Münsterland über Ostwestfalen dem Göttinger und Kasseler Raum über die Mitte Thüringens hinweg bis nach Westsachsen und Hochfranken hinein auf teilweise erheblich Behinderungen durch glatte Straßen und Fußwege einstellen. Die Kaltluft macht nämlich in der Nacht zum Mittwoch mit der Winddrehung auf Ost wieder Boden nach Westen gut. Deshalb sollte man sich vom südlichen Emsland bis nach Westsachsen trotz der dort am Dienstagnachmittag leichten Plusgrade nicht täuschen lassen, die Nacht bringt die Glätte zurück.

Aber warum kann bei 0 bis -4°C überhaupt Regen fallen? Es müsste doch alles Schnee sein? Warum dennoch bei -4°C Regen fällt zeigt unser Bild links am Beispiel Osnabrück: Zu sehen ist ein vertikales Temperaturprofil durch die Atmosphäre bis in eine Höhe von 2,5 km. Von oben kommend liegen die Temperaturen bis in etwa 1 Kilometer durchweg im Frostbereich. In diesem Bereich fällt Schnee. Allerdings gibt es eine „warme Nase“ knapp unterhalb von 1000 Metern. In einer darunterliegenden etwa 400 Meter mächtigen Schicht ist es bis zu +3°C warm. Der Schnee fällt dort hinein und verwandelt sich zu Regen. Nun entzieht der Tauprozess der Umgebung zwar fortlaufend Wärme, also Energie, und die Warmluftnase müsste eigentlich bald aufgezehrt sein. Da jedoch von Westen mit südlichen bis südwestlichen Winden in 700 bis 1000 Höhenmetern immer wieder milde Luft gelenkt wird, erfolgt dort ein ständiger Nachschub von Energie.
Ab 700 Metern und darunter geht es mit den Temperaturen wieder in den Minusbereich. Die Regentropfen können sich nicht in Schnee zurückverwandeln. Statt dessen kühlt ihr Wasser auf Werte unter Null ab, wir Meteorologen nennen sie daher unterkühle Regentropfen. Unterkühlte Tropfen sind in der Atmosphäre gar nicht so selten. Sauberes Wasser kühlt häufig auf mehrere Grad unter Null ab und bleibt dennoch flüssig. Ganz besonders reine Tropfen hat man im Labor sogar noch bis unter -40°C flüssig halten können. Die besondere Eigenschaft von unterkühltem Wasser besteht darin, dass Wassertropfen augenblicklich gefrieren, wenn sie eine kleine Störung erfahren.
Eine solche Störung ist der Erdboden auf dem sie aufschlagen. Das unterkühlte Wasser gefriert sofort und legt sich als dicker Panzer auf alles, was in der Gegend rumsteht.

5. Januar 2016
Dipl.-Met. Michael Köckritz
ARD-Wetterredaktion

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