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Wetterthema

27.11.2015

Das Klima von Mittelerde

Was passiert, wenn man ein Klimamodell mit den geografischen Daten von Mittelerde füttert?

Dieser Frage ist man an der Universität in Bristol nachgegangen. Das mag etwas verschroben wirken, hat jedoch durchaus einen wissenschaftlichen Hintergrund. Denn Klimamodelle basieren auf physikalischen Grundgesetzten und sollten auch unter ungewöhnlichen Randbedingungen plausible Ergebnisse liefern können.

Um dies zu prüfen werden auch erdgeschichtliche Land-Meer-Verteilungen herangezogen, soweit man diese Abschätzen kann, um beispielsweise das Klima in der Kreidezeit vor 65 Millionen Jahren zu rekonstruieren, als die Dinosaurier kurz vor ihrer Auslöschung durch einen Meteoriten-Einschlag standen.

Nun hat J.R.R. Tolkien seine Fantasy-Welt sehr detailliert beschrieben, so dass mit Hilfe einiger notwendiger zusätzlicher Annahmen, wie beispielsweise der Kugelgestalt von Arda, so der Name seiner fiktiven Schöpfung, dem CO2-Gehalt der Atmosphäre oder der solaren Bestrahlungsstärke, genug Informationen vorhanden sind, um damit ein Klimamodell zu füttern und los zu rechnen.

Tolkien selbst war sehr detailverliebt und man sagte ihm auch ein gewisses Maß an Perfektionismus nach. Dem entsprechend wollte er seine Fantasy-Welt so realistisch wie möglich gestalten. Das beinhaltet auch eine nachvollziehbare Verteilung der Klimazonen. Durch die Klimasimulation lässt sich nachträglich nachprüfen, ob das beschriebene Klima plausibel ist.

Das verwendete Klimamodell HadCM3L des britischen Wetterdienstes simuliert sowohl die Zirkulation des Atmosphäre, als auch des Ozeans. Es löst die verwendeten Gleichungen in einem dreidimensionalen Gitter mit einem Gitterpunktabstand von 3.75 Grad geografischer Länge auf 2.5 Grad geografischer Breite in 20 ozeanischen und 19 atmosphärischen Schichten. Mit ihm lässt sich das reale irdische Klima nach aktuellem Stand der Kunst gut nachvollziehen.

Angewandt auf Mittelerde ergibt sich grob folgendes Bild: Die Jahresmitteltemperatur des nördlichen Königreichs Forodwaith liegt unter dem Gefrierpunkt, wogegen sie in der südlichen Region Haradwaith über 30 Grad beträgt. Im Auenland, der Heimat der Hobbits ergibt sich eine über das Jahr gemittelte Temperatur von 7 Grad und eine Niederschlagssumme von 610 Litern pro Quadratmeter. Dies entspricht in etwa dem Klima von Weißrussland, in England am ehesten dem der Grafschaften Lincolnshire und Leicestershire in Zentralengland.

Das Klima Mordors, dem Sitz des Dunklen Herrschers Sauron, entspricht in etwa dem von Los Angeles, dem Westen von Texas oder dem von Alice Springs im Innern Australiens. Insgesamt ist das Klima östlich des Nebelgebirges aufgrund seiner größeren Entfernung zum Meer kontinentaler mit strengeren Wintern und heißeren Sommern. Zudem liegt der Düsterwald eigentlich im Regenschatten, da die von Westen heranziehenden Niederschläge größtenteils im Stau des Nebelgebirges abregnen. Möglicherweise ist jedoch aufgrund der recht nördlichen Lage des Düsterwalds dort die Verdunstung gering und der Wald erhält sich aufgrund seiner immensen Größe, vergleichbar dem Amazonas-Regenwald, sein eigenes Mikro-Klima.

Interessanterweise herrschen im Bereich der Grauen Anfurten, von wo aus die Elben gen Westen segeln, aufgrund der mittleren Luftdruckverteilung, vorwiegend Ostwinde vor, die eine Überfahrt nach Valinor erst ermöglichen.

Wer an weiteren Details zum Klima in Mittelerde interessiert ist, dem sei die wissenschaftliche Abhandlung „The Climate of Middle Earth“ nahegelegt, die Radagast der Braune in Kooperation mit dem Cabot Institut der Universität von Bristol veröffentlicht hat.

Freitag, 27.November 2015

Tim Staeger
ARD-Wetterredaktion

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